Der Flusskreuzfahrtmarkt


Der nachfolgende Text ist der Abdruck einer von der PCE in Auftrag gegebenen Marktdarstellung der Kreuzfahrt auf europäischen Flüssen, erstellt im März 2019 von Gerd Achilles, Herausgeber des Branchendienstes »Schiffsreisen-intern«, Hamburg.

 

 

FLUSS-KREUZFAHRT IN EUROPA BEHAUPTET SICH

Der deutsche Flusskreuzfahrtenmarkt entwickelte sich 2018 mit einem Plus von 5,5 Prozent auf rund 500.000 Passagiere ausgesprochen positiv. Noch erfreulicher waren die Ticketerlöse, die sich um stolze 18 Prozent auf fast 600 Millionen Euro steigerten. Das dürfte das höchste jemals erzielte Volumen sein und damit das Jahr 2011 ablösen. Darin enthalten sind nicht nur stabile Preise, sondern auch eine Ausdehnung der Passagiernächte und der Reisedauer. Das erfreulich stabile Preisniveau spiegelt sich auch in der durchschnittliche Tagesrate von rund 170 Euro wider, ein Zuwachs um 8,4 Prozent. Einen Hinweis auf die gute Erlössituation gibt auch der durchschnittliche Reisepreis, der um 11,8 Prozent wuchs. Kaum beeinflusst wurde das vorhandene Bettenangebot im vergangenen Jahr durch Neubauten. Lediglich 14 Schiffe kamen mit einer Kapazität von 1.729 Betten neu in den Markt, zehn davon auf europäische Flüsse, viele von ihnen für ausländische Anbieter. Das wird sich in diesem Jahr deutlich ändern. Nach letzten Erhebungen ist die Indienststellung von 19 Einheiten geplant. Allein sieben kommen von einem amerikanischen Veranstalter.

 

Was zunächst nur als positiver Einfluss gewertet wurde, änderte sich im Herbst 2018. Es war einer der sonnigsten und wärmsten Sommer seit sehr langer Zeit. Der wochenlange Sonnenschein entwickelte jedoch zunehmend auch Schattenseiten. Denn der ausbleibende Regen sorgte auch für fallende Pegelstände auf den Flüssen. Obwohl Flusskreuzfahrtschiffe nur einen geringen Tiefgang haben, reichte die Wassertiefe auf manchen Flüssen nicht aus, um dort noch zu kreuzen. So mussten die Veranstalter viel Zeit und auch Geld investieren, um die damit verbundenen Probleme zu lösen. Erfreulicherweise war die Zahl der insgesamt stornierten Reisen sehr gering. Am einfachsten hatten es die Reedereien, die mit vielen Schiffen in verschiedenen Flussabschnitten unterwegs waren. Sie konnten durch Umschichtungen und Wechsel auf andere Schiffe ihre Reisen weitgehend beenden. Insgesamt stießen alle Lösungen auf viel Verständnis bei den Passagieren. Wie sich die Wasserproblematik in diesem Jahr entwickeln wird, ist unklar. Alle Flüsse gehen mit geringerer Wassertiefe als üblich in den Sommer.

Über die Jahre sehr stabil geblieben ist die Reisedauer. Unverändert dominieren die fünf bis sieben Nächte dauernden Fahrten. Allerdings verändert sich die Nachfrage inzwischen etwas, vor allem durch immer mehr Kurzreisen in der Nebensaison und hier vor allem in der Advents- und Weihnachtszeit. Dadurch nimmt dieses Segment der Reisen von bis zu vier Nächten deutlich zu. Dahinter verbirgt sich auch der Trend, die Flussreise als Zweiturlaub einzuplanen. Eine weitere Veränderung zeichnet sich bei der Wahl der Schiffskategorien ab. Der Gast wird anspruchsvoller, verlangt mehr Komfort, Platz und gehobenen Service. Das führt dazu, dass die Zahlen im Standardbereich sinken, dafür aber der Premium- und Luxusanteil deutlich zulegt. Auch diese Entwicklung trägt zur Stabilität der Erlössituation und den höheren Tagesraten bei.

 

Ein Dauerthema in der Öffentlichkeit ist das Alter der Passagiere. Die Reedereien und Veranstalter bemühen sich zunehmend, vor allem bei den Landprogrammen, ihre Flussreisen attraktiver für jüngere Kunden zu gestalten, um damit auch das Image der „Senioren-Reisen“ zu verändern. Immer noch stellen die Passagiere ab 65 Jahre den Großteil der Kunden, aber die Verjüngungsversuche zeigen deutliche Erfolge. Die Gruppe der 41 bis 55jährigen legte kräftig auf 18,3 Prozent zu, ein Erfolg des veränderten Angebots und des gezielten Marketings. Allerdings fehlt es noch an Unterhaltungsangeboten am Bord. Die Qualität des Essens auf den Schiffen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, die gähnende Leere in den öffentlichen Räumen am Abend leider auch.

 

Eine erfreuliche Entwicklung nahmen auch die Passagierzahlen aus ausländischen Quellmärkten. Unverändert dominierten mit nahezu 40 Prozent die Passagierzahlen aus den USA und Kanada die europäischen Flussreisen, gefolgt von den Deutschen mit rund 30 Prozent. Sehr stabil zeigte sich der Schweizer Markt, der von zwei Anbietern dominiert wird und stetig zulegt. Einen wahren Nachfrageboom erlebte 2018 der britische Markt. Die Veranstalter melden von dort eine sehr hohe Nachfrage mit einem entsprechenden wachsenden Anteil der inzwischen bei fast 13 Prozent liegt. Auffällig ist der Zuwachs chinesischer Passagiere, die in der Branchenerhebung noch unter „Sonstige“ geführt werden. Hier zeichnet sich eine Entwicklung ab, die sicherlich künftig eine Einzelbetrachtung wert ist. Die beliebtesten europäischen Flüsse sind unverändert die Donau und der Rhein. Dabei zeigt sich, dass der Rhein bei den ausländischen Kunden in der Beliebtheitsskala klar in Front liegt. Die Donau erfüllt für die Anbieter eine andere wichtige Funktion. Sie ist ein sehr beliebter „Einsteigerfluss“ für Passagiere, die noch keine Flussreise gemacht haben.

Die Entwicklung auf den wichtigen weiteren europäischen Flüssen verlief 2018 im Gleichklang mit der auf Rhein, Main und Donau. Vor allem der portugiesische Douro erfreute sich zunehmender internationaler Nachfrage. Entsprechend hoch ist dort auch der Bettenzuwachs, der bisher jedoch ohne große Anstrengung gefüllt werden konnte. Diese boomende Nachfrage sorgte auch für eine deutliche Saisonverlängerung. Früher galt der Fluss lediglich in den Sommermonaten als befahrbar, da die Nebensaison sehr kalt ist. Durch die Veränderung des Klimas erweitern sich jetzt die Einsatzzeiten der Schiffe. Und es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu. Immer mehr Angebote ergänzen eine Douro-Flussfahrt mit einer hinzu gefügten Rundreise durch Portugal oder mit attraktiven Zielen wie Lissabon oder Madrid.

 

Deutlich zugelegt haben nach einer längeren Pause wieder die Flussreisen in Russland und in der Ukraine. Einige Veranstalter haben sogar Probleme, die gewünschte Schiffskapazität zu erhalten, Im Zuge dieser Nachfragezuwächse tauchen plötzlich auch wieder Angebote auf anderen russischen Flüssen auf, die wegen ihrer kurzen Nutzungszeiten durch Flussschiffe in den vergangene Jahren völlig aus den Programmen gestrichen worden sind. Eine vorsichtige Belebung erfährt auch der Nil. Hier hat sich das Paket Badeurlaub und Nilkreuzfahrt deutlich durchgesetzt. Aber unverändert spielt bei diesem Land die politische Situation eine große Rolle. Das gilt auch für den Ayeyarwaddy in Myanmar. Die Urlauber reagieren sehr sensibel auf die dort herrschenden politischen Vorgänge. Davon weitgehend unberührt zeigen sich die Fahrtgebiete Yangtse und Mekong. Auf beiden Flüssen werden immer neue variable Angebote geschaffen, die eine breitete Nachfrage generieren. Vor allem auf dem Mekong werden die Angebote, verbunden mit steigender Kapazität, immer umfangreicher. Etwas anders verhält es sich bei den Flussfahrten in Indien. Einmal abgesehen von der nicht gerade kundenfreundlichen Bürokratie und ihren Gebühren, eignen sich die beiden Hauptströme eher als Bausteine für Rundreisen.

 

Auch in der Flusskreuzfahrt spielt der Umweltschutz eine bedeutende Rolle. Hier sind es weniger die Abgase, die moniert werden, obwohl die Flussschiffe in der Regel sehr dicht an einer Stadt festmachen. Es sind eher die Passagiermengen, die manchen beliebten Ort in der Hauptbesuchszeit überfluten. Die in der IG River vertretenen Reedereien und Veranstalter arbeiten daran, Fahrpläne zu entzerren, was auch Wartezeiten an den Schleusen und eine Überfüllung mancher Steiger (Anlegestellen) entschärft. Großer Wert wird inzwischen auch auf die Nachhaltigkeit der eingesetzten Materialien beim Schiffbau gelegt.