Der Flusskreuzfahrtmarkt


Der nachfolgende Text ist der Abdruck einer von der PCE in Auftrag gegebenen Marktdarstellung der Kreuzfahrt auf europäischen Flüssen, erstellt im Juni 2020 von Gerd Achilles, Herausgeber des Branchendienstes »Schiffsreisen-intern«, Hamburg.

 

Der internationale Flusskreuzfahrtenmarkt

In Champagnerlaune wechselte der internationale Flusskreuzfahrtenmarkt von 2019 in das Jahr 2020. Hinter ihm lag eines der renditestärksten Jahre mit wenig Störungen auf den Flüssen durch Hoch- oder Niedrigwasser, ohne ernsthafte Probleme mit einzelnen Anlaufhäfen oder Behörden, vor allem in Bayern, die fast lautlos unter Mitwirkung des Branchenverbands IG RiverCruise, Basel, bereinigt wurden. Zusätzlich sorgte die stramme Nachfrage nicht nur für ein höheres Preisniveau, sondern auch für eine reibungslose Eingliederung einer unverändert überschaubaren Anzahl von Neubauten. Zum Erstaunen der Passagiere präsentierten diese Neuzugänge durchweg einige kaum für möglich gehaltene Innovationen, die man eigentlich bei einem klar definierten Baukörper, bei dem Rumpflänge, Hohe, Breite und Tiefgang, bedingt durch Schleusen, Brücken und Wassertiefen festgelegt sind, nicht erwartet. Die gute Stimmung wurde aber nicht nur durch den Rückblick, sondern auch durch den Ausblick beflügelt. Die Vorbuchungen übertrafen sogar das Vorjahresergebnis und es zeichnete sich ab, dass auch 2020 nicht zu umfangreichen Rabattaktionen und anderen Sonderkonditionen gegriffen werden muss, um die Nachfrage anzukurbeln. Außerdem weckte der zweite warme Sommer bei vielen Passagieren die Hoffnung, eine Reise bei schönem Wetter antreten zu können.

 

Die Basis für die sehr erfreulichen Aussichten in 2020 bildeten einige Kennzahlen des Jahre 2019. Der Zuwachs an Passagieren um neun Prozent auf rund 540.000 Teilnehmer ließ den Ticketumsatz auf mehr als 650 Millionen Euro steigen, ein Plus von 10,5 Prozent. Daran ist schon abzulesen, dass sich der durchschnittliche Reisepreis erhöht haben muss und zwar um 1,3 Prozent auf etwa 1.200 Euro. Ein großer Erfolg, der sich auch in der um drei Prozent gestiegenen Tagesrate auf 173,61 Euro widerspiegelt (siehe Tabelle). Interessant und immens wichtig – wie sich 2020 zeigen wird, ist die Frage, woher kommen die Passagiere? Da liegen die Quellmärkte USA/Kanada mit fast 37 Prozent unverändert vorne, gefolgt von Deutschland, Großbritannien, Australien/Neuseeland und Frankreich. Unter der Position „Sonstige“ verbergen sich auch asiatische Passagiere, bei denen insbesondere chinesische Gruppen stark vertreten sind.

 

Bei Betrachtung der ausländischen Fahrtgebiete war 2019 ein erfreulicher Aufschwung in Ägypten (Nil) zu beobachten und - durch eine qualitative Aufwertung vor allem der Landprogramme - gewann auch der Mekong an Bedeutung. Versuche, indische Flüsse stärker in Rundreiseprogramme einzubinden, führten zu beachtlichen Anfangserfolgen, ohne jedoch große wirtschaftliche Bedeutung zu erreichen. Die unflexible Tourismuspolitik Indiens mit ihren hohen Gebühren für Reisende, lässt wenig Spielraum für Expansionen.

 

Die gute Stimmungslage in der Flusskreuzfahrtbranche hielt im neuern Jahr nur wenige Wochen. Dann kam das Corona-Virus und mit ihm das abrupte Ende aller Flussfahrten. Der Start in das Jahr, eigentlich für den März 2020 vorgesehen, musste immer wieder verschoben werden. Erst im Juni wagten einzelne Veranstalter den Neustart nur auf deutschen Flüssen – allerdings unter sehr veränderten Vorzeichen. Die staatlichen Auflagen, die zunächst für die vollständige Einstellung der Flusskreuzfahrt sorgten, wurden sukzessive zwar gelockert, aber nicht beendet. Die längerfristig verbliebenen Vorschriften stellte der Verband IG RiverCruises als Muster für die gesamte Branche in einem umfangreichen Vorschriftenkatalog zusammen. Da diese Zusammenfassung mit allen Behörden der Anrainerstaaten europäischer Flüsse abgestimmt wurde, ist sie für die Branche als Mindestanforderung anzuwenden. Das heißt allerdings nicht, dass auch alle Städte, die von den Flussschiffen angelaufen werden, um dort ihre Landausflüge zu starten, auch automatisch die Erlaubnis dazu geben.

 

Diese behördlichen Auflagen zwingen die Veranstalter, den Passagieren eine Reihe von Auflagen zu machen. Das geht schon bei der Buchung mit einem Gesundheitsscheck los und endet mit Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln an Bord. Das führt dazu, dass die Kapazität der Schiffe nur bis zu rund 70 Prozent ausgelastet werden können und zusätzliche Kosten beim Betrieb des Schiffes anfallen.

 

Unter Berücksichtigung dieser Vorschriften dürfte nach den neuesten Verlautbarungen der einzelnen EU-Länder und der europäischen Behörden, ab Juli 2020 wieder das volle Programm auf europäischen Flüssen – unter Einhaltung der geschilderten Vorschriften – aufgenommen werden. Da die EU ihre Außengrenzen jedoch bis in den Herbst zunächst für Urlauber geschlossen hält, müssen sich die Flusskreuzfahrtanbieter auf die europäischen Quellmärkte s beschränken. Das könnte zu einer Konzentrationswelle führen, wobei besonders die Markenstärke der Anbieter eine Rolle spielen dürfte. Der europäische Marktführer CroisiEurope, Straßburg, und die deutsche Spitzengruppe mit nicko cruises, Stuttgart, Phoenix Reisen, Bonn, A-Rosa Flussfahrten, Rostock, oder 1 A Vista, Köln, werden sicherlich versuchen, ihre Marktanteile aufzustocken. Das bedeutet auch eine Veränderung im Vertrieb. Um den Anteil der Direktbuchungen zu stärken, bedarf es einer Änderung der Werbekonzepte – mehr Internet, mehr Fernsehen und eine Konzentration auf stark buchende Reisebüros, die mit einer Erhöhung der Grundprovision gestützt werden sollten, zu Lasten der großen Anzahl nur vereinzelt buchender Reisebüros, die sich nach der Krise oft unter das Dach einer Kooperation flüchten mussten. In einer Krise antizyklisch zu reagieren, fällt vielen Managern schwer. Aber einfach nur zu hoffen, am Ende der Pandemie wird alles wieder so wie vorher, ist zumindest riskant.

 

Die Außengrenzen der EU sind bis in den Herbst geschlossen, so dass die wichtigsten Flüsse für Amerikaner und Kanadier nicht zu erreichen sind. Dadurch könnte sich in den USA möglicherweise sogar die Hochseekreuzfahrt vor allem in die Karibik, nach Alaska oder Hawaii schneller wieder in Fahrt setzen als die Flusskreuzfahrtwie in Europa, wohin normalerweise jährlich hunderttausende von Amerikanern reisen.

 

Bezogen auf die europäischen Quellmärkte wird sich zwar die Pandemie deutlich in den Zahlen niederschlagen, aber das Verlangen der Menschen, einen Urlaub auf einem Schiff zu verbringen, ist ungebrochen hoch. Zwar wagen es die Veranstalter noch nicht, für ihre reduzierte Passagierzahl pro Schiff und höhere Betriebskosten die Preise entsprechend zu erhöhen, aber insgesamt dürfte die Branche in Europa schneller als die Hochsee wieder Fuß fassen. Dafür sprechen auch die Buchungszahlen für 2021, die zwar noch stark durch Umbuchungen geprägt werden, aber auch schon Neubuchungen enthalten. Betriebswirtschaftlich wird die Branche versuchen, erst einmal die Preise zu halten, um im kommenden Jahr bei möglicherweise veränderter Ausgangslage – Impfstoff oder Medikamente gegen Corona sind dann vorhanden - die Raten anzupassen. In diesem Jahr wird die Flotte, die sonst die europäischen Flüsse befährt, recht klein bleiben und entsprechend groß ist die Aufliegertonnage. Eine gute Gelegenheit für kapitalkräftige Fonds, sich auf den Second-hand Markt zu bedienen – und zwar auch an sehr moderner Tonnage.